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„Ein Sonntag im Mai um vier Uhr morgens: Durch die alten Tannen im Bergwald bei Garmisch-Partenkirchen fällt das erste Tageslicht, begleitet von einem grandiosen Konzert gesungen aus Hunderten von Vogelkehlen. Zwischen den sich immer klarer abhebenden Baumstämmen bewegt sich eine Gestalt schemenhaft, sie scheint immer wieder innezuhalten und auf einem Block etwas zu notieren. Bei näherem Hinsehen erkennen wir ein Fernglas. Dann plötzlich gibt sich die Gestalt zu erkennen: Ein Specht trommelt an einer abgestorbenen Fichte, blitzschnell hebt die Gestalt das Fernglas und schreibt das Gesehene auf den Block.“ – Es handelt sich um einen von Hunderten ehrenamtlichen Vogelkundlern in Bayern, die das frühe Aufstehen nicht scheuen, um Vögel zu kartieren.
Unter einer Kartierung versteht man nichts anderes als eine Zählung. Das Werkzeug eines Vogelkartierers besteht zum einen aus der optischen Ausrüstung (Fernglas oder Spektiv), einer Gebietskarte und einem Schreibblock oder Diktiergerät. Der Vogelzähler muss bei einer Brutvogelerfassung die Gesänge und Rufe der Vögel sehr gut kennen, da etwa 90% der Vögel akustisch, sprich über den Gesang, festgestellt werden. Da die meisten Vögel morgens am intensivsten singen, sollte einem Kartierer das frühe Aufstehen nichts ausmachen. Zudem sollte der- oder diejenige nicht zu hohe finanzielle Ansprüche haben, da es für solche Kartierungen meistens kein Geld oder nur eine kleine Aufwandsentschädigung gibt.
Neben der Freude an der Natur gibt es auch noch einen anderen Grund für die vielen freiwilligen Zählerinnen und Zähler, sich der Vogelkartierung zu widmen. Denn die Ergebnisse werden an einer zentralen Stelle gesammelt und dort ausgewertet. So werden dann Veränderungen in der Vogelbevölkerung sichtbar gemacht, so genannte Bestandstrends, die dann wiederum Grundlage für Schutzbemühungen in der Vogelwelt sind. Für die Hobby–Vogelkundler ist dies eine Möglichkeit, wissenschaftlich tätig zu sein.
Mehrmals während der Brutzeit werden alle festgestellten Reviere auf einer vorher festgelegten Strecke erfasst.
Werden solche Zählungen regelmäßig über Jahre hinweg im gleichen Gebiet auf die gleiche Art und Weise gemacht, sprechen die Fachleute von einem Monitoring. Vor kurzem wurde eine Stiftung Vogelmonitoring in Deutschland gegründet, die sich zum Ziel gesteckt hat, über solche Kartierungen den Bestand der deutschen Vogelwelt zu überwachen und Veränderungen festzustellen. So läuft beispielsweise seit 2005 das Großprojekt „Atlas deutscher Brutvogelarten“, kurz ADEBAR, bei dem in ganz Deutschland die Brutvögel gezählt und dann die Anzahl der Paare geschätzt werden. Die Ergebnisse sollen dann in wenigen Jahren in Form von einem Brutvogelatlas veröffentlicht werden. Auch in Bayern sind über 300 ADEBAR-Kartierer unterwegs, um die Brutvögel zu erfassen.
Es gibt viele verschiedene Zählprogramme für Vogelkundler, um die Vogelgemeinschaften während des ganzen Jahres zu zählen. So werden beispielsweise im Wattenmeer auf dem Zug ins Winterquartier rastende Watvögel erfasst, oder die Wasservogelzählung während des Winters, bei der sogar in ganz Europa an gleichen Terminen an den großen Gewässern und Flüssen die Wasservögel gezählt werden. Dabei wird mit einem Spektiv versucht, die Enten, Schwäne, Gänse und Taucher zu zählen, oftmals sind es allerdings Trupps von mehreren tausend Vögeln, dann wird eine Zählung unmöglich und der Kartierer muss die Anzahl schätzen. Diese Wasservogelzählung wird in manchen Gebieten schon seit über vierzig Jahren durchgeführt und bildet die Datengrundlage für die Ausweisung von vielen Vogelschutzgebieten, die wichtig für überwinternde Wasservögel sind.
Da der LBV sich nicht nur um Vögel kümmert, werden auch andere Arten untersucht. So z. B. in der LBV-Kreisgruppe Garmisch-Partenkirchen, bei der die Mitarbeiter nach der Vogelbrutsaison in Deutschlands letzten Wildflusslandschaften an Isar und Ammer auf den spärlich bewachsenen Kiesbänken nach der schönen Gefleckten Schnarrschrecke und dem eher unscheinbaren Kiesbankgrashüpfer Ausschau halten. Diese Arten gelten als so genannte Zeigerarten, die eine noch intakte Wildflusslandschaft bewohnen. Wo sie noch vorkommen, sind besondere Schutzbemühungen angesagt, da ihr Lebensraum stark (z.B. von Verbauung) bedroht ist.
Aber man muss nicht unbedingt ein frühaufstehender Vogelkundler sein, um an Kartierungen teilzunehmen. So ist zum Beispiel die NABU und LBV-Aktion „Stunde der Gartenvögel“ auch nichts anderes als eine Kartierung der heimischen Gartenvögel in ganz Deutschland. Als Ergebnis wurde beispielsweise im Jahre 2006 der Haussperling schon zum zweiten Mal als häufigster Gartenvogel in Deutschland festgestellt. Es wurde auf der anderen Seite auch deutlich, dass der Spatz immer mehr aus den Städten verschwindet. Denn fehlende Brutmöglichkeiten in den Städten machen dem Spatz das Leben schwer.
Wenn man einen Kartierer fragt, warum er all diese Anstrengungen unternimmt, obwohl er dafür meistens kein Geld bekommt, so hört man in den meisten Fällen, dass es der Spaß und die Freude an der Natur ist. Aber auch der aktive Beitrag zum Naturschutz ist für viele ausschlaggebend, denn wenn man die Artenvielfalt schützen will, muss man wissen, ob und von was sie gefährdet ist.
Autor: Sebastian Olschewski